Ich freue mich, von meinem ersten Solo-Einsatz bei Anglicare berichten zu können. Heute bin ich alleine unterwegs, meine offizielle Einführungszeit ist somit abgeschlossen.

Arbeitsstart ist um 8.30 Uhr und beginnt mit einer kurzen Tagesbesprechung im Team. Wir klären, wer welche Klienten übernimmt und informieren über allfällige Besonderheiten für den Tag, etc. Für mich stehen zwei individuelle Betreuungen auf dem Programm. Das mag ich am meisten! Ich packe meine Tasche mit den „Teeutensilien“, entscheide am Whiteboard welches Auto ich nehme und trage meine ungefähre Route und Arbeitszeit ein. Oh, habe ich schon erwähnt, wir haben drei nigelnagelneue Arbeitsautos, alle mit neuen Namen ;-).

Meine erste Klientin ist Romy*, sie wohnt in Nhulunbuy im Hostel. Das Hostel ist für Aboriginal People, welche kurz- oder auch längerfristig kein Zuhause mehr haben (die Gründe dafür sind vielfältig, kein Platz im eigenen Haus, häusliche Gewalt, etc.). Die Hostelzimmer sind sehr spärlich eingerichtet. Ein Zimmer mit Bett und einem angrenzenden Bad. That`s it! Es gibt einen gemeinsamen Waschraum und einen Essraum, wo die Bewohner Essen können. Alles ist sehr schmutzig und es liegt viel Abfall rum.
Ich sehe schnell, Romy hat nicht viel Besitz… Eigentlich gar nichts ausser ein paar Kleider, ein Foto, Stifte und ein Notizbuch. Mein Auftrag ist Zimmerpflege und der Rest der Zeit ist offen. Romy will aber nicht, dass ich beim Aufräumen helfe, sodern beim Waschen, so machen wir das. Anschliessend besuchen wir ihre Schwester. Diese sitzt ein paar Gehminuten vom Hostel entfernt am Boden und kocht Muscheln über dem Feuer. Ich lerne, die Bäume mit den weissen Blüten läuten die Muschelsaison ein. Eine Delikatesse für die Yolngu. Die Muscheln finden sie in den Mangroven, man müsse in der Erde graben, erklärt mir Romy. Wir geniessen unseren Tee und sitzen so eine ganze Weile. Es kommen noch weitere Familienmitglieder von Romy dazu. Einige fragen, ob ich sie mit dem Auto zum Woolies bringen kann. Da es auch Anglicare Klienten sind, kann ich dem Vorhaben zustimmen. Zum Schluss hängen wir noch die Wäsche auf und ich verabschiede mich.

Nach meiner Mittagspause fahre ich zu Cindy*. Sie wohnt in „Wallaby“, einer kleinen Community rund 10 Minuten Fahrzeit ausserhalb von Nhulunbuy. Cindy scheint überrascht, dass ich vorbeikomme, freut sich aber auf die Möglichkeit, mit dem Auto unterwegs zu sein. Sie selbst kann nicht Autofahren und ÖV gibt es hier nicht. Dafür Buschtaxis, diese sind aber verhältnismässig teuer. Wie dem auch sei, sie möchte nach Yirrkala, gute 20 Minuten Autofahrt. Cindy kreiert selbstgemachte Halsketten aus Muscheln und kann diese dem Art-Center in Yirrkala zum Verkauf liefern. So sind wir auf unserem Weg dorthin. Unterwegs ändern die Pläne schnell. Cindy muss jetzt doch noch etwas im Dorf erledigen, so suchen wir ihren Sohn, jedoch ohne Erfolg. Anschliessend fahren wir zum East Woody Beach, ein beliebter Platz für unsere Teepause. Auf dem Weg dorthin ändert Cindy nochmals ihre Meinung, sie will jetzt doch lieber zum Middle Beach für den Tee. So landen wir schlussendlich dort, legen unsere Matte unter einen Baum und schauen aufs Meer. Cindy erklärt mir, wo sie überall Beeren und Muscheln findet, um ihren Schmuck herzustellen. Das bringt sie auf die Idee, zum Baum mit den roten Beeren zu fahren, sie hat nämlich keine mehr. So machen wir`s. Ich bin recht überrascht, der gewünschte Baum steht bei einer Balanda Familie mitten im Garten. Nun denn, ich klopfe, stelle uns kurz vor und frage, ob wir Beeren sammeln dürfen. Wir werden herzlich willkommen geheissen (australisch eben…).
„Und jetzt nach Yirrkala?“, schlägt Cindy vor. Leider reicht die Zeit nicht mehr. „Wir Balandas sind so“, sage ich zu Cindy, „zeitorientiert“, sie lacht und nickt. Wir fahren nächste Woche nach Yirrkala. Oder vielleicht auch nicht…

Nach ein wenig Paperwork endet mein Arbeitstag um 14.30 Uhr und ich schaffe es noch vor den Kindern Zuhause zu sein. Diese kommen in ein paar Minuten hungrig und verschwitzt mit dem Velo angeradelt.

 

*Name geändert