Heute bin ich sage und schreibe 260km mit dem Auto umhergefahren. Das ist dieselbe Distanz wie von Genf nach Basel. Ich war mir gar nicht bewusst, dass das hier möglich ist… 🙂 Von Yirrkala nach Gunyangara (Ski Beach) sind es gut 30 km. Nhulunbuy befindet sich etwa in der Mitte der Strecke. Aber nun der Reihe nach.

Nach unserem Morgenrapport mache ich mich um 9 Uhr auf den Weg nach Yirrkala, um Ben zu besuchen. Er ist ein neuer Klient von Anglicare. Er wurde an uns überwiesen, weil er schon längere Zeit nicht mehr richtig gegessen hatte. Seine Familie braucht oftmals sein gesamtes Geld für Alkohol oder verspielt es. Dann bleibt nicht mehr genügend übrig um Lebensmittel oder Strom zu kaufen (Strom wird im Voraus im Laden bezahlt). Leider ein weit verbreitetes Problem hier. Anders als bei uns, elaubt es die Kultur der Yongu nicht „nein“ zu sagen. Darum, wenn Familienmitglieder Ben um Geld bitten, gibt er ihnen solange, bis er keines mehr hat.
Heute ist ein wichtiger Tag, Ben kann endlich seine Driver Licence erneuern. Wir versuchen das seit gut zwei Monaten. Zuerst hatter er kein Geld, dann war er im Spital und beim dritten Versuch war das Büro wegen Weihnachtsferien geschlossen. Darum versuchen wir es heute nochmals, denke ich zumindest. Ben lässt mich sofort wissen, dass er auch heute „Bäyngu Rrupiya“ also kein Geld hat. Vielleicht nächste Woche… Er fragt mich, ob wir nach Gunyangara fahren können, dort habe er früher gearbeitet. Er wolle mir das zeigen und Geschichten von früher erzählen, das tue seiner Seele gut, meint er. Zudem sei das eine schön lange Strecke, sodass er sein Handy während der Fahrt laden könne, sein Haus habe kein Strom. So machen einen Besuch in Gunyangara und Ben erzählt mir von früher. Er wirkt glücklich!

Kurz vor Mittag besuche ich Rose, meine zweite Klientin. Sie wohnt auch in Yirrkala. Sie möchte einen Fernseher in Gunyangara bei jemandem abholen. Schon wieder dieselben 60km fahren, dachte ich, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Aber dann kommt mir in den Sinn, ich habe eine CD mit Worship Musik auf Yolngu Matha, ich weiss, dass Rose diese sehr mag. So ist es eine gute Gelegenheit, dass sie während der Fahrt Musik hören kann. Auf dem Rückweg halten wir in Nhulunbuy, Rose will bei Centerlink schauen, wann der nächste Zahltag ist. Morgen. So ist auch ihr Haus eine weitere Nacht ohne Strom. Weil wir noch Zeit haben und Rose heute noch nichts gegessen hat, machen wir eine Pause bei Anglicare und ich mache etwas zu Essen. Anschliessend bringe ich sie nach Hause.

Meine letzte Klientin für heute heisst Susann. Sie ist eine jüngere Klientin mit einer leichten geistigen Behinderung. Oftmals gehen wir zusammen Muschen sammeln, welche sie dann verziehren kann oder Beeren, diese werden dann von ihrer Tante zu hübschen Halsketten verarbeitet. Als ich sie jedoch heute abhole, erzählt sie mir sofort, dass sie sehr besorgt sei. Sie habe kaum geschlafen, weil so viele Leute in ihrem Haus wohnen und alle umherschreien, weil sie zuviel getrunken hätten. Zudem habe es letzte Nacht viele „fights“ gegeben, was ihr Angst mache. Ich schlage vor, dass wir zu Anglicare fahren, dort könne sie sich ausruhen, etwas essen und trinken und wir können überlegen, was wir tun werden. Susann ist damit einverstanden. Ich entscheide, die Situation mit meiner Chefin zu besprechen, weil ich kein gutes Gefühl dabei habe, Susann einfach wieder zurück nach Hause zu bringen. Anglicare besitzt eine Wohnung, welche Klienten benutzen dürfen, wenn sie eine Auszeit benötigen oder sich zu Hause nicht sicher fühlen. Zusammen entscheiden wir, dass Susann die Nacht dort verbringen kann. Die verbleibende Zeit nutze ich, um zusammen mit Susann die Wohnung vorzubereiten (Staubsaugen, Bett beziehen, etc.). Sie wirkt erleichtert, dass sie fürs Erste hier bleiben kann.

So geht um 16.30 Uhr ein ereignisreicher Tag zu Ende.